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„Anschläge werden die Stücke beeinflussen“
KULTUR. Zufrieden? Nein, zufrieden sei er mit dem Programm der diesjährigen Ruhrfestspiele nicht – aber einverstanden schon. „Wir zeigen so viel und dennoch hat bei Weitem nicht alles Platz gefunden, was mir wichtig wäre“, sagt Festspielleiter Frank Hoffmann beinahe wehmütig. Wie will man auch Jahrhunderte an Literatur und Theater einer Nation in sechs Wochen abbilden, ohne dass ein Großteil durchs Raster fällt? „Da steht man auf verlorenem Posten!“
„Ein romantisches Rendezvous mit Frankreich“ haben die Ruhrfestspiele in diesem Jahr, ein „Tête-à-tête“ mit Klassikern und zeitgenössischen Autoren der „Grande Nation“. Mit dem Kurier zum Sonntag spricht der Luxemburger über den Einfluss der Anschläge von Paris auf die kommende Spielzeit, über „Risikoproduktionen“ und sein Erfolgsgeheimnis.
Das Kleine Theater im Ruhrfestspielhaus hat sich geleert. Hier, wo eben noch zahlreiche Journalisten den Ausführungen Hoffmanns und seiner Mitstreiter zur kommenden Spielzeit gelauscht haben, wird nun die Technik abgebaut, verschwinden die großformatigen Fotos wieder im Lager. Auftritt des Intendanten: „Hallo“, ein Händedruck. „Hallo, Zeit für ein Interview?“ Selbstverständlich hat er die.
Die Anschläge von Paris sind noch sehr präsent. Werden sie die Ruhrfestspiele beeinflussen?
Hoffmann: Ganz sicher. Diese Ereignisse haben ein anderes Licht auf das Land geworfen, haben es verändert. Ich bin überzeugt, dass diese Entwicklungen unmittelbaren Einfluss auf die Stücke haben werden, die aktuell noch nicht fertig sind.

So zynisch es klingt: Glauben Sie, dass die Ruhrfestspielen dadurch mehr Zuschauer anlocken werden?
Hoffmann: Möglich, aber es wäre natürlich furchtbar, wenn man solche Ereignisse bräuchte, um ein Theater zu füllen. Jedoch ist Frankreich jetzt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Die Deutschen haben angefangen, sich mit der französischen Gesellschaft auseinanderzusetzen. Für mich ist Frankreich die andere Seite meiner Seele, ich bin damit aufgewachsen. Aber gerade für die Menschen im Ruhrgebiet ist das Land nicht so nahe, wie es die geografische Distanz vermuten lässt. Von diesem gesteigerten Interesse könnte das Festival profitieren.

Das Titelbild des diesjährigen Programms zeigt einen Seiltänzer, der auf einem Seil zwischen Eifel- und Förderturm balanciert, beide Wahrzeichen verbindet. Wollen die Ruhrfestspiele 2015 eine Brücke zwischen beiden Nationen schlagen?
Hoffmann: Ja, wir wollen sowohl Gemeinsamkeiten als auch Gegensätze von Deutschland und Frankreich aufzeigen. Die deutsch-französische Freundschaft wird häufig beschworen. Sie ist „Motor“ für Europa und stottert dieser „Motor“, hat der ganze Kontinent Start-Schwierigkeiten.
KULTUR. Am Ende der vergangenen Spielzeit haben Sie gesagt, Sie seien zum Erfolg verdammt. Beflügelt oder behindert dieser Druck?
Hoffmann: Sowohl als auch. Natürlich kann ich mir keinen Misserfolg erlauben. Ich fühle mich manchmal wie ein Fußballtrainer. Als Trainer einer guten Mannschaft – der ich bin, wie ich glaube – bin ich zuversichtlich, dass wir die anvisierten Ziele erreichen werden. Allerdings ist auch immer der Gedanke gegenwärtig, dass die Ruhrfestspiele in ihrer Existenz gefährdet sind, wenn der Zuschauerzuspruch mal nicht den Erwartungen entspricht.

Wirkt sich dieser Druck auf die Programmgestaltung aus? Lassen Sie Stücke weg, die zwar dem künstlerischen Anspruch gerecht werden, jedoch keinen wirtschaftlichen Erfolg versprechen?
Hoffmann: Auf keinen Fall. Aber wir überlegen schon sehr genau, welches Stück wo gezeigt wird, ob es sich im Großen Haus durchsetzen kann oder nicht. Im vergangenen Jahr haben wir uns mit „Purpurstaub“ eine „Risikoproduktion“ im Großen Haus erlaubt. Ein derartiges Wagnis kann man sich allerdings nicht zwei- oder dreimal in einer Spielzeit gestatten.

Erlauben Sie sich auch in diesem Jahr eine „Risikoproduktion“?
Hoffmann: Im Großen Haus sind vier Stücke zu sehen, die ihre Premiere bei den Ruhrfestspielen haben. Das ist schon ein Wagnis.

Juliette Binoche, Ute Lemper, Isabella Rossellini – das diesjährige Programm ist gespickt mit Stars. Sind diese der Gegenpart zu den „Risikoproduktionen“, Garanten für viele Zuschauer?
Hoffmann: Natürlich helfen sie, Besucher ins Theater zu locken. Eine Erfolgsgarantie sind allerdings auch solch berühmte Namen nicht.

Was ist dann das Geheimnis Ihres Erfolgs? Immerhin stellen Sie seit Beginn Ihrer Intendanz einen Besucherrekord nach dem anderen auf.
Hoffmann: Das hat viel mit der Entwicklung des Programms zu tun. Vergleicht man 2006 mit heute, stellt man einen gewaltigen Sprung fest, den das Publikum mitgegangen ist. Wir müssen nicht mehr so viel erklären, wie zu Beginn meiner Intendanz. Mittlerweile werden auch Stücke gut besucht, bei denen wir selbst nicht mit einem derartigen Zuspruch gerechnet hätten. Zum Beispiel die Uraufführungen: Seitdem wir diese in der Halle König-Ludwig zeigen, laufen sie wahnsinnig gut. Und natürlich ist auch das Publikum ein Geschenk – hier findet man das beste Publikum, das man sich wünschen kann.  /Foto: NBM(Archiv)

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