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Mädchen und Technik
WIRTSCHAFT/AUSBILDUNG. Aktuell sei der Fachkräftemangel im Kreis Recklinghausen noch nicht so spürbar, wie in anderen Regionen Deutschlands, würden noch zwei Bewerber auf einen Ausbildungsplatz kommen. „Doch die Gesamtzahl der Interessenten hat in den vergangenen Jahren abgenommen – Tendenz weiter sinkend – und schon jetzt klagen die Unternehmen über mangelnde Qualifikationen der Bewerber“, gibt Gabriele Bültmann, Geschäftsführerin des Recklinghäuser Bildungszentrums des Handels (BZDH), zu bedenken. Hier setzt das Projekt MINT-connect des BZDH an, das Mädchen für technische Berufe begeistern will. „Denn im Handwerk sind diese bisher kaum vertreten.“
Durchschnittlich hätten Mädchen bessere Schulabschlüsse als Jungen, seien engagierter und verfügten über höhere soziale Kompetenzen, betont Bültmann, „können häufig dieses Potenzial aber nicht beruflich umsetzen.“ Spätestens in der Pubertät würden viele – von Freundinnen und einem Frauenbild der 50er und 60er-Jahre, das nach wie vor in den Köpfen herumgeistere, beeinflusst – in Klischees verfallen. „Und so belegen Friseurin und Arzthelferin auch heute noch die ersten Plätze auf der Hitliste der beliebtesten Frauenberufe“, bedauert die BZDH-Geschäftsführerin.
Mit MINT-connect, das seit Anfang vergangenen Jahres läuft, will nun das BZDH Hemmschwellen gegenüber dem Handwerk überwinden, will einerseits Mädchen frühzeitig für technische Berufe begeistern und andererseits Unternehmen gewinnen, die das weibliche Geschlecht noch kaum berücksichtigen. „Rund 50 Schülerinnen der Klassen sechs bis neun von Haupt-, Real- und Gesamtschulen aus Recklinghausen sowie Herten nehmen aktuell an dem Projekt teil“, erklärt Projektmitarbeiterin Janis-Maria Gayk. „Sie treffen sich regelmäßig, um zu erfahren, welche Berufe es im Handwerk und in technischen Unternehmen gibt und um ihre Talente für diese Berufe zu entdecken.“ So haben die Teilnehmerinnen unter anderem einen „Talente-Parcours“ absolviert, bei dem an sechs Stationen getüftelt, experimentiert und gerechnet werden konnte. Auch Exkursionen in Unternehmen – zehn kleine und mittlere Betriebe im Kreis Recklinghausen unterstützen aktuell das Projekt – haben bereits auf dem Programm gestanden. In den Osterferien absolvieren nun vier Teilnehmerinnen ein Praktikum.
So probiert sich zurzeit die 15-jährige Lisa Sawatzki im Recklinghäuser Architekturbüro „Feja+Kemper“ als Bauzeichnerin aus. „Unser Lehrer hat das Projekt im Unterricht vorgestellt und gemeinsam mit einer Klassenkameradin haben ich mich sofort entschieden, daran teilzunehmen“, erinnert sich die Schülerin der Maristen-Realschule. Sie interessiere sich für technische Berufe, habe in Mathe eine Eins. „Von insgesamt 17 Mädchen in unserer Klasse, sind wir beiden allerdings die einzigen, die bei MINT-connect mitmachen.“

Bei ihrem Praktikum hat die Recklinghäuserin bereits anhand von sogenannten Drei-Tafel-Projektionen ihr räumliches Denken geschult, einen Raum ausgemessen, diesen maßstabsgetreu zu Papier gebracht und gelernt, mit einem speziellen Computer-Zeichenprogramm umzugehen – Grundlagen des Bauzeichnens.
„Lisa macht sich gut“, lobt Maike Samaga, die als eine von insgesamt elf Mentorinnen das Projekt unterstützt und die Schülerin während ihres Praktikums begleitet.
In ihrem Beruf seien Frauen nicht unterrepräsentiert, sei die Geschlechterverteilung ausgeglichen, erzählt die Bauzeichnerin. „Als ich vor rund 15 Jahren angefangen habe, sah das allerdings noch anders aus“, erinnert sich die 36-Jährige. Anfangs habe sie sich schon durchbeißen müssen, da Männern mehr zugetraut worden wäre. „Damals haben meine Kollegen Projekte bekommen, bei denen ich mir gedacht habe, dass auch ich das könnte“, so Samaga weiter. Doch mittlerweile gebe es diese Vorurteile nicht mehr.
Lisa Sawatzki macht derweil die Arbeit Spaß. „Ich könnte mir durchaus vorstellen, nach der Schule Bauzeichnerin oder Architektin zu werden“, sagt die 15-Jährige, legt Stift und Lineal beiseite und widmet sich wieder ihrem Computerprogramm. FOTO: NBM

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