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„Beim Tanzen kann ich zeigen, wer ich bin“
KULTUR. Tanzen? „Tanzen ist mein Leben!“, erklärt sie mit einem Leuchten in den Augen. Schon als Kind – damals in Ohio – habe Bridget Breiner Tänzerin werden wollen. „Möchte nicht jedes kleine Mädchen Ballerina werden?“, fragt sie noch und lächelt. Vielleicht, doch sie ist es tatsächlich geworden – sehr erfolgreich sogar.
Seit 1992 lebt und arbeitet die heute 42-Jährige in Deutschland: Zunächst in München, später als erste Solistin in Stuttgart, heute als Ballettdirektorin am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier (MiR), wo sie für ihre Choreografien bereits zweifach mit dem Theaterpreis „Faust“ ausgezeichnet worden ist. Am 4. Juni feiert nun ihr neuestes Werk „Prosperos Insel“ bei den Ruhrfestspielen Premiere. Mit dem Kurier zum Sonntag spricht die Ballerina über Heimat und den schweren Schritt in die Fremde, die Liebe zum Tanz und die Schwierigkeiten, ein Theaterstück ins Ballett zu übersetzen.
Der Ort: die Cafeteria des MiR – noch menschenleer, doch lichtdurchflutet. Die Protagonistin: Bridget Breiner – trainiert noch. „Das macht sie täglich“, sagt der Pressesprecher und verschwindet mit dem Satz: „Ich schaue mal, wo sie bleibt“, in den Katakomben. Wenig später erscheint sie dann: schlank, die braunen, langen Haare noch schnell zum Zopf gebunden, schwarz-grüner Trainingsanzug, Sport- statt Spitzenschuhe. Lächelnd, mit amerikanischem Akzent: „Freut mich, schön Sie zu treffen.“ Freut mich auch. Sie setzt sich.

Sie haben bereits am Bayerischen Staatsballett, dem Semperoper Ballett Dresden und als erste Solistin am Stuttgarter Ballett getanzt. Nun sind Sie Ballettdirektorin am MiR. Welche Qualitäten muss man mitbringen, um erfolgreiche Tänzerin zu werden?

Breiner: Man braucht Begabung und das Talent, damit umgehen zu können – Tanzen ist sowohl körperlich als auch mental sehr anspruchsvoll. Und der unbedingte Wille, sich selbst weiter zu entwickeln, ist ebenfalls entscheidend – schließlich ist der Beruf mit vielen Entbehrungen verbunden.

Das klingt sehr technisch. Wie wichtig sind Leidenschaft und Emotionen?
Breiner: Ohne Leidenschaft und Emotionen kann man natürlich nicht tanzen. Gefühle sind das Wichtigste.

War Tänzerin zu werden schon immer Ihr Wunsch?
Breiner: Ich glaube schon… (überlegt) Soweit ich mich erinnern kann zumindest. Zunächst wollte ich allerdings Musical-Darstellerin werden, der Broadway war ein Traum. Filme haben mich damals dazu inspiriert. Doch dann habe ich mich früh ins Ballett verliebt.

Wie ist diese Liebe entstanden?

Breiner: Möchte nicht jedes kleine Mädchen Ballerina oder Tänzerin werden? Ich habe schon in jungen Jahren gemerkt, dass ich Talent habe. Doch da war noch ein anderer Punkt: Als Kind war ich sehr schüchtern, aber beim Tanzen war diese Schüchternheit wie weggeblasen. Ich konnte mich öffnen, konnte wirklich zeigen, wer ich bin.
Geht es Ihnen heute noch genauso?
Breiner: Auf jeden Fall.

Haben Sie Lampenfieber vor einem Auftritt?
Breiner: Ja, das hört nie auf, wird eher nur noch schlimmer. Mit wachsender Erfahrung lernt man jedoch, diese Tatsache zu akzeptieren. Lampenfieber ist einfach ein Teil der Vorstellung. Dadurch werden auch Energien mobilisiert, die man bei einem Auftritt braucht. Eine Probe kann das nicht simulieren.

Sie sind bereits mit 17 Jahren von den USA nach Deutschland – nach München – gezogen, um dort Ihre Ausbildung zu vollenden. Fiel Ihnen der Schritt, Ihre Heimat zu verlassen, schwer?
Breiner: Ja, sehr. Damals habe ich zum ersten Mal die USA verlassen. Alles war neu. Ich musste ganz von unten anfangen, war nur ein kleines Licht in einer großen Kompanie. Ich hatte nur ein paar Freunde und die Familie war weit weg. Es war eine sehr schwere Zeit. Wirklich großes Heimweh bekam ich allerdings erst in meiner zweiten Saison in München, als sich eine gewisse Routine einstellte.

Mittlerweile sind Sie auch in Deutschland weit herumgekommen. Gibt es einen Ort, den Sie Heimat nennen, an dem Sie sich Zuhause fühlen?
Breiner: Nein, einen Ort nicht. Meine Eltern haben ihr Haus in den USA inzwischen aufgegeben und reisen seit acht Jahren nur herum. Wir treffen uns immer irgendwo auf der Welt. Zuhause ist niemand mehr.

Vermissen Sie eine Heimat?
Breiner: Nein. Ich empfinde diesen Zustand eigentlich als schön, weil er mir vor Augen geführt hat, dass es die Menschen sind, die für mich Zuhause definieren.

Gab es Momente, in denen Sie an sich, an der Entscheidung, Tänzerin zu werden, gezweifelt haben?
Breiner: Ja, in München. In einem solch großen Ensemble tanzt man als junge Tänzerin nur wenig, ist dritte oder vierte Besetzung, wartet auf eine Chance, sich zeigen zu können. Die Entscheidung, Tänzerin zu werden, habe ich zwar nicht bereut. Aber zu dieser Zeit habe ich für mich entschieden, dass ich es bis an die Spitze schaffen müsste, ansonsten würde ich aufhören. Das klingt zwar sehr egoistisch, aber ich musste einfach etwas aus meinem Leben machen, um all die Entbehrungen rechtfertigen zu können.

Haben Sie Ihre Ziele erreicht?
Breiner: Ich habe erreicht, dass ich in meiner Karriere sehr viel erleben durfte. Ich habe die Welt gesehen, habe fantastische Rollen getanzt, mit tollen Choreografen und Partnern zusammengearbeitet. Aber ich möchte noch mehr erreichen. Nicht, dass ich unzufrieden wäre, aber ich bin noch nicht am Ende meiner Karriere angelangt.

Wohin soll es noch gehen?
Breiner: Bestimmte Rollen noch einmal und besser zu tanzen, wäre ein Wunsch - so seltsam es auch klingen mag. Ich möchte einfach alles aus einer Rolle herausholen, bis ich alle Feinheiten von A bis Z erlebt habe. Dafür muss man eine Rolle vielleicht 100 Mal tanzen. Und ich kann noch tanzen – die meisten haben mit 42 Jahren bereits aufgehört.

Haben Sie denn schon einmal eine Rolle in all ihren Facetten erfahren?
Breiner: Vielleicht einige Rollen in ein paar abstrakten Balletten, die ich sehr oft getanzt habe, und die Blanche DuBois in „Endstation Sehnsucht“. Vollkommen erfasst habe ich diese Rollen zwar nicht, aber ich konnte einen sehr tiefen Einblick in diese Charaktere gewinnen. Tanzen würde ich sie trotzdem gerne noch einmal. Also eigentlich: Nein.

Heute sind Sie nicht mehr nur Tänzerin, sondern auch Choreografin, haben Ihre ersten eigenen Choreografien bereits in Stuttgart entwickelt. Warum sind Sie seinerzeit diesen Schritt gegangen?

Breiner: Zu dieser Zeit war ich bereits seit mehreren Jahren erste Solistin, habe nur wenig getanzt, war gelangweilt. Dann hat mir ein Freund geraten, zu choreografieren. Es sei wichtig für meine künstlerische Entwicklung, meinte er. Und er hatte recht. Das sehe ich auch heute bei unseren Tänzern. Diejenigen, die choreografieren, sind nicht so mit Technik und Einzelheiten beschäftigt und nehmen viel bewusster wahr, was ein Choreograf von ihnen möchte. Auch ich habe das damals gelernt.

Mittlerweile sind Sie dabei auch sehr erfolgreich, sind für Ihre Aschenputtel-Adaption „Ruß“ und Ihr Ballett „Der Tod und die Malerin“ über die jüdische Künstlerin Charlotte Salomon mit dem Theaterpreis „Faust“ ausgezeichnet worden. Welchen Stellenwert hat diese Auszeichnung für Ihre Arbeit?
Breiner: Es ist natürlich eine große Ehre. Wir haben dadurch sehr viel Aufmerksamkeit bekommen. Man schaut jetzt auf Gelsenkirchen und auf das, was wir hier machen.

Nun inszenieren Sie erstmals bei den Ruhrfestspielen – originär ein Schauspiel-Festival. Welchen Ruf genießen die Recklinghäuser Festspiele in der Tanzszene?
Breiner: Über den Ruf kann ich wenig sagen, aber die Ruhrfestspiele haben immer gute Tanzgruppen im Programm. Für uns ist es toll, dass wir dort eine Premiere zeigen können. Das ist ungewöhnlich, da Festivals normalerweise fertige Produktionen einkaufen. Dieser Vertrauensvorschuss ehrt uns.

Sie zeigen „Prosperos Insel“, basierend auf Shakespeares „Der Sturm“. Wieso fiel die Wahl auf diesen Stoff?
Breiner: Ich liebe Shakespeare, irgendwie komme ich immer wieder auf seine Stücke zurück. In diesem Fall passt es gut zum Thema Mittelmeer. Außerdem besticht „Der Sturm“ durch seine starken Charaktere.

Wie schwierig ist es, ein Theaterstück ins Ballett zu übersetzen?
Breiner: Sehr schwierig, da gibt es tausende Probleme. „Der Sturm“ ist erstens für eine Besetzung geschrieben, in der die Männerrollen dominieren. Wir haben fünf Frauen und fünf Männer. Da gilt es umzudenken. Die Geschichte an sich besteht aus mehreren Episoden, wovon nicht jede für die Gesamthandlung wichtig ist. Man muss sich entscheiden, was man erzählen möchte, wo die eigene Intention liegt.

Was erwartet die Zuschauer?
Breiner: Ich habe das Szenario ganz neu geschrieben und den Fokus auf Charaktere gelegt, die mich interessieren. Das Original wird auf jeden Fall zu erkennen sein, aber es ist schon eine andere Geschichte.

Also nicht mehr Shakespeares „Sturm“, sondern Bridget Breiners?

Breiner: Ja, zwar sehr inspiriert vom Original, aber es ist meine Sicht des Stückes.

Werden Sie auch selbst auf der Bühne stehen?
Breiner: Nein, in diesem Stück nicht.

Noch eine letzte Frage: Gehen Sie eigentlich auch privat mal tanzen?
Breiner: (lacht) Ja, sehr gerne sogar. Meistens allerdings nicht geplant. Aber wenn es sich ergibt, tanze ich auch privat. / Foto: NBM