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Telefonieren nur mit Übersetzer
RÜCKBLICK. An den Klang der frühen Kindheitstage kann sich Gerd Thyret nicht erinnern. Mit nicht mal einem Jahr blieben Töne, gar eine Melodie, nur selten im Gedächtnis. Der ohrenbetäubende Knall im November 1939 allerdings ist noch heute so präsent wie damals. Nach der Explosion in einer benachbarten Zeche stand das Leben Thyrets im Alter von neun Monaten auf Messers Schneide: Der heute 69-Jährige überlebte, sein Gehör jedoch verschied. Seit dem sind Worte für den Recklinghäuser nicht mal mehr Schall, wurden Gebärden seine Sprache. Vor 25 Jahren haben Thyret und weitere Betroffene in Recklinghausen den Kreisverband der Gehörlosen-Vereine gegründet. Unorganisiert seien die über den ganzen Kreis verteilten Gehörlosen-Vertretungen damals gewesen, erinnert sich Gerd Thyret. Diese in einer Dachorganisation zu vereinen, war damals die Idee von Thyret und dem mittlerweile verstorbenen Konrad Stemmer, um den Betroffenen in der Region eine Anlaufstelle zu schaffen. Und so zählte der Verband am Gründungstag, dem 8. November 1985, 301 Mitglieder aus sechs Vereinen. Ein viertel Jahrhundert später ist der Verein gewachsen, hat mittlerweile 562 Mitglieder, ist Dachverband von 16 Vereinen aus Waltrop bis Gladbeck. Gehörlose jeden Alters aus dem ganzen Kreis kommen regelmäßig im Recklinghäuser Vereinsheim zusammen, nutzen hier Freizeit-, Kultur- und Sport-Angebote. Und auch für Taubblinde aus ganz Deutschland ist das Haus am Oerweg eine Anlaufstelle. Einige Ziele habe man zwar erreicht, doch der Alltag der Betroffenen sei in einer von Sprache geprägten Welt nach wie vor schwierig, weiß Thyret aus eigener Erfahrung, der von Anfang an dem Verein vorsteht, sich wie alle Beteiligten ehrenamtlich engagiert. So seien Firmen oder Einzelpersonen, die den Verband finanziell unterstützen, Mangelware. Gehörlosen fehle es an „Vitamin-B“, diese hätten nun mal keine Lobby, die Gelder beschafft. Ferner stehen den rund 600 Gehörlosen im Kreis lediglich sieben Gebärdensprachen-Dolmetscher zur Seite. Behördengänge oder Arztbesuche, der Elternsprechtag in der Schule, ein Auto-Kauf, selbst ein simples Telefonat sind ohne Übersetzer schier unmöglich. Nur teilweise tragen dabei Krankenkassen oder Kommunen die Dolmetscher-Kosten, häufig müssen die Betroffenen in die eigene Tasche greifen. So würden häufig Geschwister oder Kinder in die Vermittler-Rolle „gezwungen“, mit zu allen möglichen Anlässen geschleift. Und wer sich heute für die zwei- bis vierjährige Ausbildung zum Gebärden-Dolmetscher entscheidet, muss weite Wege bis nach Magdeburg oder Hamburg in Kauf nehmen – in Nordrhein-Westfalen besteht die Möglichkeit nicht mehr. Dass Gehörlose von den Lippen ablesen könnten, sei eine Mär – ginge gar nicht. Maximal 20 Prozent könne man vielleicht verstehen, meint Gerd Thyret. Ein paar Höflichkeitsfloskeln könne man eventuell austauschen, ein Gespräch jedoch käme so nicht zu Stande. Doch heute hofft der Verbandsvorsitzende auf zahlreiche Gespräche mit sowohl Hörenden als auch Gehörlosen. Werden am heutigen Samstag doch viele Gäste im Vereinsheim erwartet, denn 25 Jahre Kreisverband soll schließlich gefeiert werden. /
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